Danke an die Retter von Bad Aibling

in München Bei einem Gottesdienst im Münchner Liebfrauendom hat Regionalbischöfin Susanne Breit Keßler den Helfern gedankt Und gleichzeitig mehr Respekt für die Einsatzkräfte gefordert.

Die Regionalbischöfin Susanne Breit Keßler hat emotionale Worte gefunden, um den Rettungskräften von Bad Aibling bei dem Gottesdienst im Münchner Liebfrauendom zu danken Es ist ein Geschenk des Himmels, dass es Sie gibt, sagte sie. In ihrer Predigt sprach sie die traumatischen Erfahrungen an, mit denen die Helfer tagtäglich, und bei dem Zugunglück von Bad Aibling im Besonderen, fertig werden müssen. Sie ermutigte die Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdiensten, sich selbst auch Hilfe zu holen, wenn es nötig sei Schweigen Sie nicht fein still, wenn Ihnen alles zu viel wird, sagte sie.

Susanne Breit Keßler den Gottesdienst, den sie mit Domdekan Prälat Lorenz Wolf feierte, um mehr Respekt für Polizisten und Rettungskräfte zu fordern. Diese Gesellschaft braucht wieder Respekt vor den Menschen, die ihren Kopf hinhalten, manchmal ihr Leben einsetzen, um uns anderen zu helfen. Es sei unerhört, dass Polizisten im Einsatz attackiert oder Sanitäter angepöbelt würden, sagte die evangelische Theologin. Hier müssen wir laut werden, denn diese Verrohung der Sitten trifft uns alle, sagte Susanne Breit Keßler.
 
Im Anschluss waren die Helfer zum Empfang in der Residenz geladen. Dort dankte dann auch Ministerpräsident Horst Seehofer CSU allen Helferinnen und Helfern, die den Verletzten am Unfallort mit all ihrer Kraft beistanden. Dank ihnen stehe Bad Aibling nicht nur für Schrecken und Leid, sondern auch für gelebte Mitmenschlichkeit und Solidarität. Landtagspräsidentin Barbara Stamm CSU sagte, In einer absoluten Ausnahmesituation sind die Helfer bis an ihre Grenzen gegangen und darüber hinaus. Was sie dabei erlebt haben, können wir nur erahnen. Niemand habe nach Zuständigkeiten gefragt, sondern es sei Hand in Hand gearbeitet worden.
 

Iris Schessl weiß, wie lange man an einem solchen Einsatz zu kauen hat. Sie ist für das BRK in Oberbayern zuständig für den Fachdienst der Psychosozialen Notfallversorgung also für die Betreuung von Helfern und auch von Angehörigen. Sie wurde am Faschingsdienstag um kurz nach halb neun alarmiert. Die 48-Jährige aus Seeshaupt, Kreis Weilheim Schongau, machte sich auf den Weg nach Bad Aibling, baute im Feuerwehrhaus mit ihren Kollegen eine Sammelstelle auf Dort konnte jeder nach seinem Einsatz vorbeikommen. Und erzählen, wenn er wollte. Wenn er nicht reden wollte, hat Iris Schessl ihm erklärt, was in den nächsten Tagen mit ihm passieren wird. Dass es normal ist, zu zittern. Nachts schweißgebadet aufzuwachen.

 

Oder immer wieder die Bilder zu sehen. Jeder, sagt sie, reagiert auf seine Weise. Aber es sei wichtig zu wissen Da passiert etwas. Soweit die akute Hilfe vor Ort. Es folgten einige Gesprächsrunden, an denen jeder vom BRK teilnehmen konnte. Jetzt, einen Monat nach dem Einsatz, der für viele der größte war, den sie je erlebt haben, sagt Iris Schessl. Die Belastung sollte langsam nachlassen. Auch wenn die Erinnerung bleibt. Sie sagt, vielen gibt die Gruppe Halt. Vielen half der Gottesdienst in Bad Aibling kurz nach dem Unglück, oder der in der Frauenkirche am Montag. Eine Art Abschluss, sagt Iris Schessl. Und vielen gibt ein Zeichen wie der Empfang in der Residenz auch Kraft. Jedem Helfer tut ein ,Danke gut, sagt sie.

 

800 waren eingeladen für Montagabend, viele sind gekommen. Feuerwehrler Michael Ebert hört mit seinen Kameraden Ministerpräsident Horst Seehofer zu, wie er alle Helfer als rettende Engel in der Not bezeichnet. Neben Ebert steht Sebastian Hauenstein. Mit erst 20 Jahren hat er dieselben Bilder gesehen wie sein Kamerad. Ich denke noch oft daran, sagt er. Aber das Reden hilft. Kurz nach dem Einsatz haben sich auch die Großkarolinenfelder Kameraden getroffen und über ihre Eindrücke gesprochen. Ebert sagt Mit jedem Gespräch wird es besser. Er rückt seine Feuerwehrmütze zurecht. Das Leben geht weiter.

 

Auch die Bad Aiblinger Feuerwehr ist in die Residenz gekommen. Man entwickelt Mechanismen, um das Leid nicht zu sehr an sich ranzulassen, sagt einer, der schon seit Jahrzehnten dabei ist. Sein Kamerad, ebenfalls Feuerwehr Urgestein, war einer der ersten am Unfallort. Ich weiß nicht, wie viele ich rausgezogen habe, sagt der und blickt in die wuselnde Helfermenge im Kaisersaal. Doch seine Augen finden keinen Halt. Der leere Blick hat ihm auch im Einsatz geholfen. Ich habe keinen der Verletzten genau angeschaut. Distanz schaffen, selbst wenn die Opfer so nahe sind.

 

Krisenbetreuerin Iris Schessl sagt, dass sich junge Einsatzkräfte oft leichter tun, Hilfe zur Verarbeitung anzunehmen. Sie sehen das weniger als Zeichen von Schwäche als die Generation, bei der es noch hieß: Ein richtiger Mann weint nicht. Aber auch bei den alten Hasen gilt die Regel: Reden hilft. Wenn einer nichts sagt, ist das ein schlechtes Zeichen, sagt einer der Bad Aiblinger. Aber oft helfe nur das Gespräch mit den Kameraden, Nur sie können das verstehen, Nicht die Familie. Nicht die Freunde. Meine Frau hat mich nach dem Einsatz gefragt, was passiert ist, sagt sein Kamerad. Er wusste nicht, was er ihr antworten soll. Nur ein paar Brocken hinzuwerfen das bringt doch nichts. Auch das Reden hat seine Grenzen.

 

Iris Schessl nennt das Prinzip. Kollege hilft Kollegen, Sie als ehemalige Rettungsdienstlerin hilft Rettungsdienstlern. Um einen Feuerwehrler muss sich ein Feuerwehrler kümmern. Nur ein Kollege war schon mal in einer ähnlichen Situation, sagt Schessl. Und manche brauchen die Hilfe erst, wenn sie glauben, sie sind schon über den Berg. Jeder Einsatz ist wie ein Tröpferl, erklärt sie. Irgendwann läuft das Fass über. Bei einem gewaltigen Einsatz macht es manchmal schwapp. Und manche bringt eine Kleinigkeit aus dem Gleichgewicht.

So wie den Feuerwehrmann aus Bad Aibling. Eigentlich dachte er, er habe den Einsatz gut weggesteckt. Aber als er am Abend nach dem Unglück noch einmal zu einem kleinen Einsatz ausrückte, traf er zwei Frauen, die am Marienplatz Kerzen für die Opfer anzündeten. Sie dankten ihm für seinen Einsatz. Das hat mich aus der Bahn geworfen, sagt er.

 

Nicht nur bei Menschen, die direkt am Zug mitanpackten, bleibt das Unglück im Kopf. Ernst Schütz, 40, koordinierte als Einsatzleiter die Kräfte der Malteser. Er sagt, so etwas trägt man ein Leben lang mit sich herum. Man könne die Bilder zwar zeitweise ausblenden. Aber irgendwann kommt ein Einsatz, bei dem sie wieder hochkommen. Dann beginne die Aufarbeitung von vorne. Trotzdem, Der Alltag kommt wieder. Und so lernt man zwangsläufig, mit dem Erlebten umzugehen.

 

Abschalten lernen das ist das Allerwichtigste, meint auch Thomas Schwaighofer vom Samariterbund Tirol in der Residenz. Der 29-Jährige sagt, Man muss lernen, Feierabend zu machen. Dienstschluss auch im Kopf. Da müsse jeder seine Methode finden.

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