Emma Thompson im Filmfest München 29.06.2018.

 

 

Foto: Julian Ovidiu Foto: Julian Ovidiu

 

Emma Thompson genießt ihre Ernennung zur Dame durch die britische Königin Elisabeth in vollen Zügen. Meine Familie verbeugt sich vor mir, wenn ich nach Hause komme. Endlich erweisen sie mir zu Hause Respekt, scherzte die 59-Jährige am Freitag auf dem Filmfest München, wo sie am Abend mit dem Festival-Ehrenpreis CineMerit Award gewürdigt wurde. Ein großer Thron wurde für mich gebaut und bei Tisch sitze ich hier oben und alle anderen da unten.

 

Foto: Julian Ovidiu Foto: Julian Ovidiu
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Thompson gilt als profilierte Charakterdarstellerin und Drehbuchautorin, bekannt aus Filmen wie Sinn und Sinnlichkeit, Tatsächlich Liebe, The Meyerowitz Stories und der Fantasy-Reihe Harry Potter. Allerdings sucht sie sich ihre Rollen gut aus. Ich mag keine Stereotype und ich habe es geschafft, nicht viele davon zu spielen, erklärte Thompson. Ich habe Rollen abgelehnt, weil sie nach meinem Gefühl ungeheuerlich und falsch waren und Frauen meiner Ansicht nach nicht ehrlich darstellten. Allerdings wolle sie nicht nur gute, starke Frauen spielen. Sie habe auch schon Serienkiller und Verrückte gespielt. Aber ich hatte das Gefühl, dass sie ehrliche Figuren waren.

 

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Die Filmbranche dankte Thompson mit vielen Auszeichnungen, darunter auch dem Oscar. Auf dem Filmfest in München feierte ihr neuer Film Kindeswohl nach einem Roman von Ian McEwan Deutschlandpremiere. Als Familienrichterin ist Thompson darin mit einem leukämiekranken Teenager konfrontiert, der wegen seines Glaubens eine notwendige Bluttransfusion verweigert.

 

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Emma Thompson, Sie präsentieren hier in München Ihren Film Kindeswohl. Darin spielen Sie eine Familienrichterin. Was war die größte Herausforderung beim Spielen dieser Rolle?

 

Thompson: Ich glaube, ich habe vor allem versucht darzustellen, wie viel Verantwortung und wie viel Macht eine Richterin über das Leben anderer Menschen hat. In diesem Fall ging es sogar um Leben und Tod. Diese Verantwortung zu fühlen war wohl die größte Herausforderung, denke ich. Aber ich habe viele Frauen in Familiengerichten getroffen, die diese Entscheidungen treffen müssen. Das hat mir sehr geholfen.

 

Sie haben so ziemlich alle wichtigen Preise gewonnen, die es gibt: Oscars, Golden Globes, Baftas, Emmys. Was ist besonders an dem Münchener CineMerit Award für Ihr Lebenswerk?

 

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Es ist das erste Mal, dass ich für mein Lebenswerk ausgezeichnet werde. Und es hat dazu geführt, dass ich mein bisheriges Leben reflektiert habe. Außerdem habe ich über Deutschland und meine Bewunderung für dieses Land nachgedacht, das so viele Flüchtlinge so warmherzig aufgenommen hat. Ich bewundere diese Geste so sehr. Mein Sohn ist ein Flüchtling, deshalb fühle ich eine ganz besondere Bindung zu dieser Großzügigkeit des Geistes.

 

Großbritannien will die Europäische Union zwar verlassen, aber ich fühle mich von Kopf bis Fuß als Europäerin. Das möchte ich hier auch deutlich zeigen. Ich habe tolle Freunde nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern. Dieser Zusammenhalt ist sehr wichtig, besonders in der Künstlerszene. Deshalb freue ich mich, in dieser wunderschönen Stadt sein zu können, wo es diesen Zusammenhalt noch gibt, während in meinem eigenen Land eine große Kluft entstanden ist.

 

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Wie empfinden Sie die Auswirkungen von Bewegungen wie "MeToo" und "Time's Up" auf die Filmindustrie und die Gesellschaft generell?

 

Ich denke, das ist eine großartige und längst überfällige Bewegung. Schon zu Beginn des Weinstein-Skandals habe ich mich oft dazu geäußert und gesagt. Wir müssen dieses System verändern. Es ist natürlich wichtig, die individuellen Fälle zu diskutieren. Dabei müsste man allerdings mit Opfern und Tätern sprechen. Aber vor allem muss dieses Machtsystem abgeschafft werden. Es kann nicht sein, dass einige sich die Freiheit herausnehmen, darüber zu entscheiden, was mit den Körpern anderer passiert. Das ist einfach eine Machtstruktur, die so nicht funktionieren darf. Umso fantastischer ist es, dass es diese Debatten nun gibt und wir tatsächlich in der Lage sind, etwas zu verändern. Denn eigentlich ist es doch ein Zustand, den niemand wirklich haben will. Ich glaube, auch Männer wollen ihn nicht. Es wird also Zeit, dass wir über all das miteinander reden von Angesicht zu Angesicht.

 

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